Jugendliche erwerben C-Lizenz zum Übungsleitenden direkt am Gymnasium Philippinum
Im Schuljahr 2025/2026 ist am Gymnasium Philippinum in Marburg etwas passiert, das es in dieser Form in Hessen bislang nicht gab. Statt an Wochenenden quer durchs Land zu einem Lehrgangsort zu fahren, haben Schülerinnen und Schüler ihre Ausbildung zum Übungsleitenden-C mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche direkt an ihrer eigenen Schule absolviert. Organisiert und begleitet wurde das Projekt von der Zentralstelle für Schulsport und Bewegungsförderung (ZFS) an der Hessischen Lehrkräfteakademie in Kooperation mit der Sportjugend Hessen. Beide Bildungspartnerinnen arbeiten schon länger bei ähnlichen Projekten zusammen – etwa beim Sporthelfer-Programm oder beim neuen Zertifikatslehrgang „Sport und Bewegung im schulischen Ganztag“, nur eben bisher nicht in dieser Form.

Was diesen Ansatz besonders macht
Vergleicht man das Projekt mit dem, was es in Hessen sonst gibt, wird schnell klar, warum hier von einem echten Novum die Rede ist. Das Sporthelfer-Programm existiert bereits seit 2022: 13- bis 17-Jährige lernen dabei in mindestens 30 Lerneinheiten sportartübergreifende Grundlagen, unterrichtet von ihren eigenen, von der Sportjugend Hessen dafür qualifizierten, Sportlehrkräften. Jedoch steht am Ende keine DOSB-Lizenz sondern das Sporthelfer-Zertifikat. Auch der neue Zertifikatslehrgang „Sport und Bewegung im schulischen Ganztag“ zielt auf andere Adressatinnen und Adressaten: Er richtet sich an Personen, die sich zunächst ausschließlich für sportliche Inhalte im schulischen Ganztagsangebot qualifizieren wollen.
Am Gymnasium Philippinum konnte dagegen die vollständige und bundesweit anerkannte Übungsleiter-C-Lizenz erworben werden. Diese umfasst 120 Lehreinheiten und ist die reguläre Basisqualifikation, die jeder Verein von seinen Trainerinnen und Trainern verlangt. Für die hessischen Schulen ist diese Form der Ausbildung komplett neu. Eine der großen Herausforderungen lag darin, die benötigte Stundenanzahl in das Unterrichtsangebot der Schule so zu integrieren, dass der Kurs mit der Stundenplanung kompatibel war und im Umfang zu den anderen Fächern passte. Das Abschlussseminar bei der Sportjugend Hessen rundete die Ausbildung ab und bot ein schönes Gemeinschaftserlebnis für die Gruppe.
Die Voraussetzungen: Ab 16 und schon im Verein aktiv
Ganz offen für alle steht die Ausbildung nicht. Zwei Dinge müssen Teilnehmende bereits mitbringen: Sie müssen zu Beginn der Ausbildung mindestens 16 Jahre alt sein und sie sollten bereits Mitglied in einem hessischen Sportverein sein, der dem Landessportbund Hessen angehört. Wer bereits eine Kinder- oder Jugendgruppe im Verein mitbetreut, hat es leichter, Pflicht ist das aber nicht. Der Gedanke dahinter liegt auf der Hand: Wer bereits in einem Verein aktiv ist, wird zur Brücke zwischen Schule und Verein, statt die Ausbildung bloß „nebenbei“ oder „für den Lebenslauf“ zu machen.
Warum sich das für Vereine und Schulen lohnt
Der Charme der Idee zeigt sich, wenn man genauer hinschaut: Für die Jugendlichen selbst ist es innerhalb des sonst so hierarchischen Schulsystems ein Rollenwechsel. Sie werden vom Lernenden zum Anleitenden und so auch zum Vorbild für andere Kinder oder Jugendliche. Sie erwerben eine ganze Reihe von Kompetenzen, die nicht zum klassischen Schulstoff gehören und trotzdem auch für den schulischen Erfolg immer wichtiger werden. Selbstreflexion, Verantwortungsübernahme und Grundlagen des Lehrens und daher auch des Lernens sind wichtige Themen des Kurses, die aus Heranwachsenden im Verlauf der Ausbildung reifere Persönlichkeiten machen.
Vereine profitieren von der neuen Möglichkeit fast noch mehr. Der Mangel an ehrenamtlichen Übungsleitenden ist längst kein Geheimnis mehr und nun bekommen die Sportvereine jungen, motivierten und vor allem bereits qualifizierten Nachwuchs, ohne lange suchen zu müssen.
Und auch den Schulen nützt die Ausbildung. Es ermöglicht ihnen, ihren Schülerinnen und Schülern ein Angebot zu machen, das unmittelbar sinnhaft ist und ihnen so direkt lebenspraktisch nützt wie wenig anderes, das zunächst einfach gelernt werden muss und oft erst viel später als relevant erkannt wird. Außerdem fördern die teilnehmenden Schulen die Entwicklung starker sozialer Persönlichkeiten, die in die Schülerschaft hineinwirken und positive Vorbilder für Gleichaltrige sein können. Sie stärken darüber hinaus ihr Profil als bewegte Schule und gewinnen zugleich qualifiziertes Personal für AGs und den Ganztag: Wenn externe Personen ohne das Lehramtsstudium Sport außerunterrichtliche Sportangebote an Schulen übernehmen sollen, verlangt die hessische Verordnung zur Aufsicht im Schulsport nämlich genau das, die C-Trainer-Lizenz. Da mit dem Schuljahr 2026/2027 schrittweise der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an hessischen Grundschulen greift, dürfte der Bedarf an solchen Qualifikationen ohnehin weiter steigen. So profitieren am Ende alle drei Seiten: Jugendliche von guter Anleitung, Lehrkräfte von besonderen Persönlichkeiten in den Lerngruppen und Unterstützung im Nachmittagsbereich, Vereine von Nachwuchs, der schon weiß, worauf es ankommt.
Und jetzt?
Die Schulleitung des Gymnasium Philippinums hat ganz deutlich den Daumen gehoben und das Projekt in Marburg geht in die zweite Runde. Jedoch ist die Ausbildung von Übungsleitenden am Gymnasium Philippinum als Pilot und nicht als Einzelfall gedacht. Sportjugend Hessen und ZFS haben aus den Erfahrungen gelernt und wollen die Ausbildung schrittweise auch auf andere Schulen in Hessen ausweiten. Damit reiht sich das Modell in eine ganze Reihe von Initiativen ein, mit denen der organisierte Sport in Hessen gemeinsam mit dem Hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen versucht, Schulen und Vereine enger zusammenzubringen und dem drohenden Mangel an Übungsleitenden schon früh etwas entgegenzusetzen. Schulen, die ebenfalls Übungsleitende im Rahmen der Weiterführung des Projekts ausbilden wollen, können sich gerne an die ZFS (Kontakt: volker.jennemann@kultus.hessen.de) oder die Sportjugend Hessen wenden.